Und plötzlich zieht Nebel auf
Auf den Spuren der 13 Heilbronner Schüler und Lehrer,
die 1954 am österreichischen Dachstein erfroren
von Helmut Buchholz und Stimme.de

Der Satz hat nur drei Wörter, aber er ist unheimlich wichtig: „Wir kehren um“, sagt Dietmar Köberl, als sich der Himmel zuzieht. 



Der 68-jährige Wanderführer aus dem österreichischen Obertraun steht mit mir vor dem Hochplateau des Dachstein-Massivs in etwa 2000 Metern Höhe. Wahrscheinlich etwa an der selben Stelle, an der am 15. April 1954 drei Lehrer und zehn Schüler der Heilbronner Knabenmittelschule in eine Schlechtwetterfront gerieten, in der sie alle umkamen. 



Wir haben uns heute – 60 Jahre nach dem Dachstein-Unglück – auf den Weg gemacht, um etwa zur gleichen Zeit wie damals die Heilbronner Schüler und Lehrer dieselbe Tour zu machen.  Unser Ziel: nachempfinden, was passiert ist.


Die Gruppe um den Lehrer Hans Georg Seiler wurde bei ihrem Ausflugstag vor 60 Jahren vom schlechten Wetter überrascht - genauso wie wir heute. Die Wettervorhersage damals war gut, die Voraussetzungen für eine stramme Zehn-Stunden-Wanderung rund um den Krippenstein also prima. Und die Stimmung in der Gruppe beim Aufstieg war bestens. 



Das hat die Nachwelt schwarz auf weiß, weil man später einen Fotoapparat neben einem toten Schüler fand. Die Bilder, die aus dem Film dieses Apparats entwickelt wurden, zeigen fröhliche junge Burschen, die lachen. Sie ahnen nicht, dass ihre Wanderung in Österreich als "Todesmarsch" in die Annalen eingehen wird. 



Als die Wanderer in der ersten Nacht des Sturms nicht in ihr Quartier, die Obertrauner Bundessportschule, zurückkehren, startet die Bergwacht eine Suchaktion. Mehr als 350 Helfer beteiligen sich, die Vermisstensuche gilt als die größte in der alpinen Geschichte. Doch obwohl die Retter in dem Sturm fast selbst umkommen, ist ihre Mühe vergebens. Den ersten Toten findet man nach neun Tagen Suche am 24. April 1954. Die letzten Leichen erst sechs Wochen später, Ende Mai.

Ein Teil der Wandergruppe zu Beginn ihrer Tour. Das Foto stammt aus einer Kamera, die bei der Suche nach den Vermissten gefunden wurde.

Startpunkt der Wanderung in Obertraun, Österreich auf einer größeren Karte anzeigen

Die Fotos sind ein einmaliges Dokument. In den fröhlichen Gesichtern der 14- bis 16-Jährigen spiegelt sich auch das Lebensgefühl einer ganzen Generation wieder. Nach den traumatischen Kriegsereignissen war der Ausflug in die Berge für die Schüler die ersten Ferien seit langer Zeit. In Heilbronn herrschte die Hochstimmung der Aufbaujahre. Doch die Ferien wurden zum Alptraum. Der Heilbronner Stadtarchivar Christhard Schrenk bezeichnet die Tragödie als „tiefsten emotionalen Einschnitt in der Stadt nach dem Krieg“. Bis heute ist nicht ganz geklärt, was in dem orkanartigen Schneesturm, der vier Tage anhielt, geschehen ist. 



Klar ist, dass die Heilbronner Schüler und Lehrer nicht rechtzeitig umkehrten, als sie in den Wettersturz gerieten. Die Gruppe muss sich verirrt haben, fiel aus Erschöpfung auseinander. Alle sind erfroren. Die Toten fand man zerstreut in einem Gebiet, das heute ein großes Kreuz markiert. 



Wanderführer Dietmar Köberl und ich halten Ausschau nach dem Denkmal für das Bergdrama. Doch auf dem 200 Quadratkilometer großen Hochplateau liegt eine gute Woche vor Ostern immer noch viel Schnee. Darum hat das Auge Probleme, das Heilbronner Kreuz in der weißen Wüste auszumachen. 



Plötzlich zieht Nebel aus dem Tal auf. Wie ein Arm aus Dunst greift die weiße Schwade nach der Landschaft und krallt sich in ihr fest. Innerhalb von Minuten verschwindet der Dachstein hinter einer dichten Wand. Unvorstellbar, wie schnell das Wetter seinen weißen Vorhang vor das riesige Gebirgsplateau schiebt.  Köberl kennt sich hier oben aus und weiß deshalb, wie gefährlich solche Situationen werden können. Darum wiederholt er: „Wir kehren um.“ Es ist nur ein Satz, aber einer, der über Leben und Tod entscheiden kann.

Der Sturm verlor tagelang nicht an Kraft, der Wind blies mit einer Geschwindigkeit von bis zu 170 Stundenkilometern. Innerhalb von 24 Stunden fielen zwei Meter Neuschnee. 


Das Dachstein-Unglück und sein Wetter hat in den Bergen um Obertraun sogar eine Redensart geprägt. „Wir sagen, wenn schlechtes Wetter beim Wandern aufzieht, das ist wie damals bei den Heilbronnern, wir kehren lieber um“, erklärt Hans Schilcher. Der 71-jährige Bergretter hat die Suchaktion damals miterlebt, sein Vater war Wirt der Gjaidalm, die auf der ursprünglichen Route der Heilbronner Schüler vor 60 Jahren lag – doch die Schlechtwetterfront hat sie vom Weg abgetrieben. 

Wer einmal miterlebt hat, wie schnell im April die Wolken den Sonnenschein vertreiben können und die Berge in einer weißen Suppe untergehen, versteht umso weniger, warum die Lehrer mit ihren Schülern am 15. April 1954 nicht rechtzeitig kehrt machten. Dachten sie vielleicht, dass sich die Schlechtwetterfront so schnell verzieht, wie sie gekommen war?



Tatsächlich hellt sich der Himmel bei unserer Spurensuche so plötzlich wieder auf, wie er in den Wolken versunken war. Als ob sich der liebe Gott mit der Fernbedienung durch das Wetterprogramm zappen würde. Köberl: „Das geht hier ganz schnell hin und her.“



Als die Sicht wieder besser wird, taucht tatsächlich das Heilbronner Kreuz auf – in etwa zwei Kilometer Entfernung, erreichbar in einer Stunde Marsch: So nah waren Schüler und Lehrer 1954 dem richtigen Weg. Eine Stunde Fußmarsch! Wenn sie gewusst hätten, in welche Richtung sie laufen müssen, wären sie womöglich gerettet worden. 



Doch vor 60 Jahren war der Schneesturm so dicht, „dass man noch nicht einmal die Skispitzen gesehen hat, die man bei der Rettungsaktion an den Beinen hatte“, erinnert sich der 82-jährige Obertrauner Bergretter Walter Höll an die Suche nach den Vermissten. 
Hans Schilcher war dabei, als man die Toten im Schnee fand. „So etwas vergisst man nicht.“ Für ihn sind die Opfer Mahnung, in den Bergen vorsichtig zu sein, kein unkalkulierbares Risiko einzugehen.
Bis heute ist nicht ganz geklärt, was mit den Schülern 
während des tagelangen Schneesturms passiert ist. 
Bis auf 1959 Meter schafften es die Wanderer. An der Fundstelle ihrer Leichen steht das Heilbronner Kreuz. 
Sonst ist es um diese Jahreszeit sehr ruhig und einsam am Krippenstein. Die Seilbahn, die 1954 gerade gebaut wurde, ist vor Ostern zwecks turnusmäßiger Revision stillgelegt. Nur am frühen und Samstag- und Sonntagmorgen bringt sie Skitourenfahrer auf den Berg – hinauf, aber nicht herunter. Wanderer gibt es hier oben außer uns keine. 


Ohne unsere modernen Schneeschuhe, wie es sie vor 60 Jahren noch nicht gab, ist die Fortbewegung ohnehin zu riskant und extrem beschwerlich. Und selbst die großflächigen Spezialtreter verhindern nicht, dass der Wanderer an manchen Stellen der Schneedecke einbricht. „Die Wandersaison fängt bei uns erst nach Ostern an“, sagt Dietmar Köberl. Das sei aber auch schon 1954 so gewesen. 


„Hier oben um diese Zeit zu wandern, ist keine gute Idee – und war es damals auch nicht. Im Tal ja, aber oben in den Bergen ist es einfach noch zu früh.“ Selbst die Bundessportschule, in der sich die Heilbronner Dammrealschüler 1954 einquartierten und die heute Bundessport- und Freizeitzentrum heißt, ist vor Ostern geschlossen.
1955 auf dem Dachstein-Plateau: Das "Heilbronner Kreuz" zum Gedenken an die Opfer wird eingeweiht. 
Ein weiteres Foto aus der gefundenen Kamera zeigt die Schüler und Lehrer bei einem Aufstieg. 
Der „Todesmarsch“, wie die Heilbronner Tragödie in Obertraun auch genannt wird, ist nicht nur Schilcher und Höll, sondern bei vielen in dem 700-Einwohner-Ort noch gut im Gedächtnis. 


Selbst Bürger, die damals kleine Kinder waren, erinnern sich, wie die Särge der Heilbronner auf einem offenen Güterwaggon mit der Bahn aus Obertraun herausgefahren wurden. Die Bilder haben sich ins kollektive Gedächtnis des Dorfes gebrannt. Das erzählt ein Skitourengänger, den Wanderführer Dietmar Köberl und ich bei unserer Spurensuche zufällig auf dem Hochplateau am Dachstein-Massiv treffen. 


Dass das Unglück heute noch von Bedeutung ist, sind sich viele Menschen in Obertraun einig. Auf die Frage, warum das so ist, bietet der Journalist Robert Fürst eine Antwort. In seiner TV-Dokumentation "Tod am Dachstein – 60 Jahre nach der Heilbronner Tragödie" (ORF, 13.04.14) zeichnet er die Geschehnisse in den Bergen nach.
Im Bundessport- und Freizeitzentrum, ehemals
Bundessportschule, waren die Schüler untergebracht.
Höll hat mit seinen Kollegen in einer Kärrnerarbeit alle Spalten und Ritzen des riesigen Hochplateaus GPS-unterstützt vermessen, verortet und in eine Karte eingezeichnet. Das soll helfen, im Falle eines Falles die verunglückten Personen so schnell wie möglich zu finden. „Das war eine Pionierarbeit“, sagt Höll. 

Ob die Karte vor 60 Jahren geholfen hätte, die Heilbronner Schüler und Lehrer zu retten? 

„Eine schwierige Frage“, antwortet der Bergretter. 1954 steckte die Obertrauner Bergrettungsorganisation noch in den Kinderschuhen, war erst zwei Jahre alt. Doch auch wenn die Heilbronner Gruppe bei ihrer ambitionierten Tour moderne Handys und GPS-Geräte dabei gehabt hätte, „wäre das keine Garantie für ihre Rettung gewesen. Handys haben nicht überall am Dachstein Empfang, der Akku von GPS-Geräten kann versagen.“ 

Höll sagt deshalb aus Erfahrung: „Ein Unglück wie die Heilbronner Tragödie ist heute immer noch möglich.“ 
Obertraun ist vor Ostern ein eher verschlafenes Nest, kein stark frequentiertes Ziel für Touristen – auch nicht für Alpinisten im Hochgebirge. Wenige wagen den Aufstieg. Und noch immer verunglücken hier Menschen. „Erst im vergangenen Jahr sind nicht weit von hier zwei Personen umgekommen“, erklärt Fred Höll, der Chef von 39 Bergrettern in Obertraun. Sie kennen sich mit dem Wetter am Berg aus. Wie auch einige Einheimische, die die Lehrer der Schülergruppe noch gewarnt hatten. 
 >> Zur historischen Bildergalerie

Weitere Artikel: 

>> "Gemeinde Obertraun erinnert an das Dachstein-Unglück" (6.4.2014)

>> "Die Tragödie war nicht zu verhindern"  (7.3.2014)

>> "Der tiefste emotionale Einschnitt nach dem Krieg" (1.3.2014)

>> "Tod am Dachstein: 60 Jahre nach der Heilbronner Tragödie" (TV-Dokumentation, ORF, 13.04.2014)

>> Zurück zu Stimme.de




Fotos: Helmut Buchholz, Becker, privat, dpa
Videos:  Helmut Buchholz
Veröffentlicht am: 15. April 2014